Beethovenhaus / Hafnerhaus

Das Hafnerhaus und sein berühmter Bewohner

Das Dominierende an der Sonate ist immer ihr Thema: Vielleicht ist es ein fröhliches, ein Thema der Unbeschwertheit und Beschwingtheit, eines, das von einem tiefen Schaffensdrang erfüllt ist und vor Energie nur so sprüht. Aber in der klassichen Sonatenform steht ihm stets ein zweites Thema zur Seite: Oft in Moll geschrieben, ist es ein dunkleres, melancholischeres Thema, das vom fröhlicheren nur anfangs überdeckt war, ihm aber an Schönheit um nichts nachsteht.

Das eine, Beschwingte, könnte ohne das andere, Gedrückte nicht sein – und vielleicht ist es im Leben oft genauso.

Kommen Sie: Treten Sie ein in mich.

Mein Leben dauert schon um einiges länger, doch berühmt bin ich wegen weniger Monate:

Im Sommer 1819 verbrachte Ludwig Van Beethoven, hochdekorierter aber verzweifelter Komponist, einen Sommer in meinen Gemäuern. Schauen Sie, drehen Sie sich um: Dort oben saß er bei Tag und viel zu oft auch nachts und schrieb eine Unzahl an Partiturseiten voll, sodass sich die Hausangestellten oft wunderten.

Warum sah dieser dunkel dreinblickende Mann schon im Morgengrauen so abgekämpft aus, während sich andere erst an die Morgentoilette machten? Ein paar Jahre berichtete ein Freund Beethovens in einem Brief, von dem ich erst viel später durch einen Touristen erfuhr, er sei einmal zu seiner Wohnung gekommen da habe er ihn drinnen schon fluchen und heulen gehört. Als Beethoven schließlich nach einer Stunde aufmachte, sah er so amgekämpft aus, als habe er mit dem leibhaftigen Teufel gerungen.

Als er diesen Sommer in mir verbrachte, hatte sich ein anderes Problem bereits ausgewachsen: Jetzt liefen die Dienstmägde nicht nur vor seinem Zorn davon, sondern auch deswegen, weil er sie kaum zu bezahlen wusste.

Ein irrer Widerspruch: Sicherlich niemand außer mir wusste, dass der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Beethoven, der in diesen Sommermonaten drei verschiedene Kompositionsaufträge gleichzeitig bearbeitete, in Wirklichkeit in der Bredouille steckte.

Wie hätte man es auch ahnen können?

Gerade erst vor ein paar Wochen war er mit der Kutsche in die Stadt gekommen, sah sich zwischenzeitlich sogar um ein Häuschen hier um, während er in Wirklichkeit seine Hammerklavier-Komposition in Mödling um des nackten Weiterbestehens willen vorantrieb. Er habe sie in Bedrängnis geschrieben, sagte er oft, und wie sehr es ihn abstoße, nur um des Brotes willen zu komponieren.

Aber kommen Sie weiter in den Hof!

Schauen Sie meine Fassade an: Griechisch anmutende Säulen, runde Fenster, ein Renaissancebau der vorbildlichsten Art. Gedrungen, kompakt, kraftvoll – ebenso wie die Statur Beethovens selbst.

Jedenfalls musste ihm dieser Anblick gefallen haben – vielleicht auch, weil er zu dieser Zeit nicht mehr viel hatte, außer schöne Anblicke.

Denn in diesem Sommer war zu allem Überfluss Beethovens Taubheit schon so weit vorangeschritten, dass er hauptsächlich mit schriftlichen Botschaften kommunizieren musste. Wenn Sie später die Gelegenheit haben sollten, in sein Arbeitszimmer zu schauen, werden sie Briefe in rauhen Mengen auf dem Tisch liegen sehen: Sie waren damals sein einziges Tor zur Außenwelt.

Vielleicht war das das zweite, düstere Thema – jedenfalls zog es sich durch seine letzten zwei Lebensjahrzehnte.

Dennoch brach das erste, fröhlichere Thema, immer wieder durch: Nicht nur das Komponieren, auch die Natur erhellte sein Gemüt.

Bei einem Spaziergang im nahe gelegenen Baden zeigte sich, wie günstig sich die Landschaft des Wienerwaldes auf seinen Zustand ausgewirkt haben musste: Er sei selig, sagte er immer wieder, und dass jeder Baum zu ihm spreche.

Den Traum von einem eigenen Häuschen im Grünen konnte er dennoch nicht mehr verwirklichen. Später begann Beethoven in diesen Monaten noch eines seiner bedeutendsten Werke: Die Missa Solemnis. Aber da reiste er schon wieder ab und mehr weiß ich von ihm nicht zu berichten.

Credits:
Sprecher: Heide Maria Hager, Danielle Elfaye
Musik: Große Fuge, OP 133, Alban Berg Quartett, 1997 EMI Records
Beethoven: Missa Solemnis, 1996 Deutsche Grammophon GmbH, Hamburg
Christan Schiesser, Danielle Elfaye
Schnitt: Christian Schiesser, Danielle Elfaye
Text: Raphaela Edelbauer