Pestsäule

Was die Pestsäule zu erzählen hat

Die Gruben – der Gestank – Berge an Menschen.
Abgründe: dunkle Löcher, die das organische Material kalt und ohne Appetit fraßen – zehntausende Tote über all diese Jahre, die meisten gestorben in muffigen Stuben, fern von ihren Angehörigen, die in Angst vor Ansteckung ihre aufbrechenden Körper mieden. Das Immerwiederkommen: Ein über Jahrhunderte zurückkehrendes Elend, das in den warmen, dunstigen Monaten wieder und wieder die Bevölkerung heimsuchte.

Den schwarzen Tod habe ich nie mit eigenen Augen gesehen, auch wenn sich meine ganze Existenz im wahrsten Sinne des Wortes darum rankt. Es verwundert mich recht wenig, dass mich die Menschen aus lauter Dankbarkeit über das Ende dieses Elends errichteten. Die rund 90 Todesopfer, die die Stadt wenige Jahre zuvor zu beklagen hatte, sollen den Anlass gegeben haben.

Und was hat sich seit damals nur verändert…!

Wie so viele andere Pestsäulen in der Habsburgermonarchie wurde ich, nachdem ein heute unbekannter Bildhauer mich aus dem Stein gehauen hatte, im Glauben errichtet, ein zorniger Gott habe die Krankheit als gerechte Strafe über die Menschen verhängt. In jedem Falle musste die ohnehin gebeutelte Bevölkerung selbst für mich aufkommen – denn bezahlt  wurde ich zu einem nicht unerheblichen Teil mit Hilfe  einer Mostsammlung der  Mödlinger Weinhauer. Bin ich also nur eine Besänftigung des Schicksals?

Das hätte man damals auf jeden Fall so gesehen – was ich heute bin, ist Kunst.

Man reiht mich unter die Dreifaltigkeitssäulen. Neben der Trinität, die feierlich und zum Teil vergoldet an meinem Kopfstück glänzt, mit einer strahlenden Taube im Abflug als heiligem Geist, sind eine ganze Reihe anderer sakraler Persönlichkeiten in mir verewigt: Die Gottesmutter Maria erkennen Sie an ihren gefalteten Händen — es handelt sich dabei um eine Mondsichelmadonna, die über das Böse triumphiert und durch die Säule mit der Dreifaltigkeit verbunden ist.

Die heilige Rosalia, sehen Sie liegend als Schutzpatronin der Pestkranken; der pfeildurchbohrte heilige Sebastian; St. Rochus, der gleichfalls für seine Hilfe den Pestkranken gegenüber bekannt ist und durch seinen goldenen Pilgerstab auffällt; Karl Borromäus und Franz Xaver von der Innenstadt weggewandt.

Die mannigfache Segnung ersparte mir leider nicht, dass ich einmal  zerstört  wurde: 1909 stürzte ich durch die Einwirkung eines ungeheuren Sturms  zu Boden. Doch anscheinend war die tiefe Sympathie der Bevölkerung noch immer auf meiner Seite, denn

nicht nur wurde ich wieder errichtet, im Jahr 1943 wurde ich sogar vollkommen mit Ziegeln vermauert , auf dass mich der zweite Weltkrieg nicht bedrohen würde.

Ich mag aussehen wie ein Zuckerbackwerk  aus weißem Stuck; nur denken Sie daran, welches Leid, welche Angst zu meiner Errichtung den Anlass gab, wenn sie das nächste Mal an mir vorbei gehen, und Sie an meiner Seite lesen:

WIR ABER AN DIESEN ORTE

UNSERE HÄNDE AUSSTRECKEN DICH VEREHREN

UND ANRUFEN, DU GEHEILIGSTE DREIFALTIGKEIT

UNSER GEBETH ERHÖREST.

Credits:
Sprecher: Danielle Elfaye
Musik: Danielle Elfaye, Christian Schiesser
Schnitt: Christian Schiesser, Danielle Elfaye
Text: Raphaela Edelbauer