St. Othmar und Karner

Die wechselhafte Geschichte der St. Othmarskirche

Höret und sehet! Ich bin einer der stolzesten Bauten dieser Stadt, sicherlich deren ältester, und noch immer Dreh- und Angelpunkt des täglichen Lebens. Wie einen Monolithen sieht man mich überm Panorama hängen und die Touristen werden auch nach 800 Jahren nicht müde, meinetwegen um die ganze Welt zu fliegen. Gut, vielleicht habe ich ein wenig übertrieben; aber warum schauen Sie noch immer in die falsche Richtung?

Drehen Sie sich um. Weiter, noch weiter: Sehen Sie mich?
Sicherlich haben Sie zu Beginn meiner Rede auf meine jüngere große Schwester, die Kirche St. Othmar, gesehen, die mich seit ihrem Bau ab 1454 zumindest größenmäßig in ihren Schatten stellte.
Aber kann man glauben, dass diese neue große Kirche schon 5 oder 6 Vorgängerbauten hatte, denn jedes Mal wurde die Kirche um ein Stück größer erbaut, bis es eben zu diesem gewaltigen Bau kam.
Dieser spätgotische Baukörper und das riesige Dach, das im übrigen höher ist als die Kirche selbst,  können einen schon in ihren Bann ziehen. Und die Geschichte nach dem Neubau ist auch so turbulent und beeindruckend: 1529, keine sechs Jahre nachdem die Kirche fertig gebaut worden war, wurde das Dach und das Innere während der ersten Türkenbelagerung Wiens zerstört und danach blieb die Kirche viele viele Jahre eine Ruine, zum Teil aus Geldmangel, zum Teil, weil viele Katholiken in Mödling Protestanten wurden.

Protestanten und Katholiken lieferten sich in Mödling sowie im Rest des Landes einen lebhaften Wettstreit um die Seelen der Gläubigen. Erst 1618 startete Kardinal Melchior Khlesl – wohl auch zur  Stärkung der katholischen Sache in Mödling – einen Appell zum Aufbau meiner dachlosen, tristen Nachbarin:
„Das mit großen schweren uncosten ansehnlich erbaute gottshaus zu Mödling unterm gebürg, dann alls solches anno 1523 mit aller zugehörung an die statt und stöll gar auferbaut, ist es alssbald darauf in 6 jahren hernach durch den erbfeundt alls er mit aller seiner macht und crafft ins landt gefallen und die statt Wien belegert, in prandt gesteckt und sambt aller kirchen ornat abgebrent worden.“
Der dann nochmals viele Jahre andauernde Aufbau, war nicht die letzte kosmetische Operation, derer meine Schwester bedurfte – Blitzeinschlag, Schäden bei der zweiten Türkenbelagerung, Einbau von Barockaltären und eine Erneuerung der Glasfenster im Stile der Neugotik ließen wenig Zeit, an mich, ihre unscheinbarere Verwandte, zu denken.

Dabei habe auch ich durch die Türkenkriege schwer gelitten und musste so manche Katastrophe erleben. Trotzdem ist dabei mein Innenleben erhalten geblieben! Ein Marienfresko aus dem 13. Jahrhundert sehen Sie in der Apsis; eines von Jesu‘ Kreuzigung ist gleich rechts daneben noch deutlich erkennbar und kann kaum jünger sein als jenes.
Tief in mir sollen Reliquien des Heiligen Pantaleon aufbewahrt worden sein, meinem Taufpaten und Patron – doch das Geheimnis, wie genau sich das zugetragen hat, muss ich für mich bewahren.
Stolz bin ich auch auf meinen barocken Zwiebelhelm mit den großen Glocken, die besonders geläutet wurden, wenn Hagel, Blitzschlag und Unwetter drohten. Und in meiner Krypta ruhen die sterblichen Überreste der Mödlinger aus vielen Jahrhunderten.

Aber Sie und die anderen Touristen werden sich gleich wieder meiner älteren Schwester zuwenden, ich kenne das. Nur bedenken Sie: Das Augenfälligere muss nicht immer das sein, was der Aufmerksamkeit auch würdiger ist.

Credits:
Sprecher: Christian Schiesser
Musik: Christian Schiesser
Schnitt: Christian Schiesser, Danielle Elfaye
Text: Raphaela Edelbauer