Rathaus / Schranne

Rathaus und Schranne im Wandel der Zeiten

Das Rathaus / Die Schranne erzähltrathaus2_09

Sie verzeihen, wenn ich etwas technisch werde.
Als eine Schranne, Mittelhochdeutsch von scranna, Stuhl, Bank, verwandt unserem heute verwendeten Wort Schranke, bezeichnete man in früheren Jahrhunderten den Ort der Rechtsprechung eines Marktes. Marktschranne, das war mein ursprünglicher  Name, ebenso wie der Platz, auf dem Sie gerade stehen.
Von den Gerichtsprozessen, ihren Vollstreckungen, den Marktschreiern, den Neuanfängen und Niedergängen, die sich unter meinen Augen zutrugen, muss ich an dieser Stelle schweigen. Sie würden nicht glauben, was sich in 600 Jahren alles ansammelt; tief in mir würden sie, wenn sie den Keller betreten, sogar die ehemaligen Arresträume vorfinden, in denen reuige Sträflinge ihrer Buße harrten.

Jedes Detail meiner Fassade erzählt, ähnlich wie der Körper eines Menschen, von anderen Erlebnissen, verschiedenen Zeiten und Generationen. Meine Bauweise enthüllt verschiedenste Epochen, von denen ich nicht müde werden könnte zu berichten.
Sie verzeihen, wenn ich etwas technisch werde: Auf meine wahrscheinlich gotischen Grundfesten wurde im Laufe der Zeit so Manches aufgesetzt. Sie sehen Arkaden, die zeitweise für den gleichfalls hier stattfindenden Markt reserviert waren, und von denen, wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, heute einige zugemauert sind.

Meine Architektur umfasst Tonnengewölbe und  Kreuzgewölbe; erstere entsprechen der schwergewichtigen Bautechnik  der früheren Zeiten, letztere, die Sie  im ersten Stock  sehen, wirken durch neuartigere Bogentechnik leichter und behalten doch ihre tragende  Funktion.
Wenden Sie ihren Blick nach oben zu meiner frei hängenden Glocke im barocken Zwiebelturm, die aus dem Jahr 1684 stammt. Das Stadtwappen wurde erst nach der Stadterhebung 1875 auf mir angebracht. Gar auf das 16. Jahrhundert lässt sich das Bild vom Erzengel Michael datieren, das Sie zwischen dem ersten und zweiten Fenster sehen können – und das heute noch ebenso hervorleuchtet, wie schon auf Abbildungen von mir aus der Biedermeierzeit. Ich bin ein Hybrid, das ist wahr – aber schauen Sie mich an: Man würde mir mein Alter kaum ansehen.

Umso weniger vermutet man, dass mehrmalige Zerstörung mein Antlitz weiter formten: einmal durch Kriegseinwirkung, ein weiteres Mal durch Brand, von den vielen Sanierungen und Restaurierungen will ich gar nicht anfangen. Ich bezweifle, dass Sie Menschen das von Ihrem Körper behaupten können.
Heute freilich sind keine meiner Räumlichkeiten mehr für Gefangene reserviert. Sie verzeihen, wenn ich etwas technishc werde: Nun ist der Saal im  Obergeschoss als Plenarsaal für Gemeinderatssitzungen und für Hochzeiten reserviert, im Parterre befindet sich das Standesamt, also die Behörde, die die Eheschließungen vornimmt und bei der man Geburten und Todesfälle meldet.
Die Rechtssprechung hat sich empfindlich geändert, seit ich sie kenne; aber ganz entkommen konnte ich ihr dann doch nie.

Credits:
Sprecher: Heide Maria Hager
Musik: Christian Schiesser
Schnitt: Christian Schiesser, Danielle Elfaye
Text: Raphaela Edelbauer